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03.12.2010
Unabhängige Bauernstimme 11/10

„Souveräne Bauern – Sichere Ernte“

Fachtagung der IG Nachbau in Berlin

In die Hauptstadt hatte sich mal wieder die Interessengemeinschaft gegen die Nachbaugebühren und Nachbaugesetze aufgemacht, um inhaltlich zu debattieren. Anfang Oktober luden die IG Nachbau, Aktionsgemeinschaft solidarische Welt und die AbL in Berlin zu der Tagung „Souveräne Bauern – Sichere Ernte“ ein. Ein Thema war: „Ist Züchtungsfortschritt auch ohne Nachbaugebühren möglich?“ Referent Oliver Willing (Saatgutfond Zukunftsstiftung Landwirtschaft) dazu: - „Saatgut ist die Grundlage unserer Ernährung. Jahrtausendelang wurde es weiterentwickelt, gepflegt und ausgetauscht. Die so entstandenen Sorten sind vielfältig, lokal angepasst, fruchtbar und frei zugänglich. Saatgut ist Erbe der Menschheit, in vielen Kulturen heilig gehalten wurde Saatgut ein Gemeingut. Heute jedoch wir es auch Wirtschaftsgut gesehen, als Rohstoff für Biotechnologie und für die Börse. Saatgut ist über 10.000 Jahre alt. Vor zehn Jahren hat der Fond die Arbeit angefangen. Grund dafür war die Konzentration auf dem Saatgutmarkt. Vor 25 Jahren gab es weltweit noch 7.000 Saatgutfirmen. Keine davon hatte einen Marktanteil von über 1 %. Heute kontrollieren zehn  Konzerne 70 % vom kommerziellen Saatgutverkauf weltweit. Diese zehn Firmen sind Agrochemieriesen und keine herkömmliche Züchter mehr. An der Spitze steht Monsanto, die vor 20 Jahren noch gar nichts mit Saatgut zu tun hatten. Willing beklagte den Verlust der Vielfalt durch Hybridzucht und den Aufkauf kleiner Gemüsezüchter. Dadurch sind allein in den letzten Jahren 2.000 Gemüseliniensorten der Allgemeinheit verloren gegangen, da sie in die Saatgutbank von Monsanto gewandert sind. Der Saatgutfonds unterstützt über 20 ökologische und gentechnikfreie Züchtungsinitiativen ideell und finanziell. Die Züchtung einer neuen Sorte dauert mindestens zehn Jahre und kostet bis zu 600.000 Euro, deshalb ist hier auch finanzielle Unterstützung wichtig. Neben dem Erhalt alten Saatguts ist die Züchtung neuer Sorten wegen den Patentrechten, Lizenzen etc. der Saatgutmultis notwendig, wenn wir nicht bald allem Saatgutes beraubt sein wollen. Aktionen wie „SOS-Save our Seeds“ zur Reinhaltung des Saatgutes von gentechnischer Kontamination oder die Mitmachaktion Bantam-Mais sind weiter Tätigkeitsfelder. Der Saatgutfonds ist auf Spenden oder Fördermitgliedschaften angewiesen. Der Förderbeitrag muss daher nicht hoch sein. Oliver Willing schloss sein Referat mit einem Aufruf an alle, Erhalt des Saatgutes ist nicht nur Aufgabe der Bauern sondern aller Bürger. Auch kleine Spenden helfen.

Menschen einbeziehen

Ein weiterer Referent der Tagung war Gebhard Rossmanith von der Bingenheimer Saatgut AG. „Züchtung ist ein Teil der Landwirtschaft. Ohne Züchtung und Selektion wäre keine einzige Kulturpflanze der Menschheit entstanden“, so Rossmanith. Durch das deutliche Heraustreten der Züchtung aus der Landwirtschaft in spezielisierte Unternehmen und Firmenkonzentrationen sei nicht mehr der landwirtschaftliche Belang wesentliche  Triebfeder, sondern der Unternehmensaspekt Gewinn, im Extrem bis hin zur Machtkonzentration. Dadurch stiegen die Einkommen einzelner Unternehmen, die Entwicklung des gesamten Saatgutmarktes aber werde durch die Machtkonzentration erschwert. So stellte die Bingenheimer Saatgut AG 2004 fest, dass es schwierig war, an Blumenkohl-Saatgut von Liniensorten zu kommen. Die großen Züchter hatten  auf Hybride umgestellt. Bio-Züchter hätten zukünftig das Nachsehen. Die Bio-Kette „Alnatura“ erkannte mit der Bingenheimer Saatgut AG das Problem und gemeinsam entwickelte man Möglichkeiten, die Zucht zu unterstützen. So sammelte Alnatura bei Käufern der Bio-Produkte ihrer Kette Geld für Züchtung und Züchtungsfortschritt. Man war sehr überrascht, wie viele Menschen sich an dem Fonds beteiligten. Durch die „Alnatura“ Saatgutaktion und den Kauf von Saatguttütchen konnte die Entwicklung und Erhaltung des Ökologischen Saatgutes von 2004-2009 mit 221.000 Euro unterstützt werden. Zusätzlich kam in Jahre 2010 bei „Alnatura“ und der Drogeriekette Budnikowsky, die das Alnaturasortiment auch vertreibt 35.000 Euro an Spendengeldern zusammen.

Dadurch, resümmierte Rossmanith, sei ein sehr wichtiger Beitrag geleistet worden, damit die Bingenheimer Saatgut AG überleben konnte. Man müsse die Menschen ansprechen, einbeziehen und ihnen die Wichtigkeit der Zucht nahebringen. Nur so sei der Erhalt unserer Vielfalt zu schützen.

12 Millionen Euro gibt das Bundesforschungsministerium momentan für Biotechnologie in der Pflanzenzüchtung aus. Der Betrag soll im Herbst dieses Jahres auf 85 Millionen Euro aufgestockt werden um dann in nächsten Jahr auf 140 Millionen Euro festgesetzt werden. Dieses Geld müsste stattdessen zum größten Teil auf die Züchter von Linien- Land- und Erhaltungssorten vergeben werden. Der Erhalt die Bio-Diversität muss auch ein Anliegen des Staates sein!

Gerhard Portz