ABL eV.

Hier geht es zur Homepage

abl-ev.de

Bauernstimme

Hier geht es zu unserem

ABL-Verlag

03.07.2013 11:40 Alter: 9 yrs
Kategorie: IG Nachbau Bauernstimme
Von: Unabhängige Bauernstimme 6/13

Europäische Zusammenarbeit in Sachen Nachbauproblematik angestoßen

Treffen von europäischen Bauern und Aufbereitern in Peterborough, England


Inzwischen erkennen immer mehr Bauern und Aufbereiter die schwierige Situation des Nachbaus in Europa. Die Gesetzesänderung von 1997 erreicht, Schritt für Schritt, immer mehr unserer Kollegen. Auch deshalb trafen sich nun in England Vertreter der IG Nachbau mit Interessensvertretern aus dem vereinigten Königreich und anderen europäischen Ländern. Das Treffen stand unter dem Stern einer immer größer werdenden Macht der Saatgutindustrie. Das Gute ist, wir haben erkannt, dass wir europa-, ja sogar weltweit zusammenarbeiten müssen. Weltweit werden noch immer die meisten Äcker mit Nachbausaatgut bestellt. Unserer Delegation mit Franjo Dohle, Jens Beismann und mir war erst einmal nicht bewusst, was uns in England erwartet. Nachdem wir uns in der Früh auf dem Londoner Flughafen Stansted getroffen haben, ging es sofort los, mit dem Zug in Richtung Birmingham. Vom Flieger erkannten wir schon viele Felder mit schlechter Wintersaat, dies bestätigte sich dann auf der Zugfahrt und bei vielen Gesprächen. Vom Bahnhof in Peterborough wurden wir von Dick Bowler, Vizepräsident der NAAC, der britischen Vereinigung der Saatgutaufbereiter, abgeholt. Wir fuhren auf einen Bauernhof in der Nähe der Stadt. Es war ein schöner Tag, die Sonne schien, die Landschaft war wirklich toll und unsere Partner ganz liebe Menschen. So war der Grundstein gelegt für zwei fruchtbare Tage, die uns in der Problematik des Nachbaus vereinen sollten.

Nachbau optimal

Hinzu kamen auch zwei Vertreter aus Frankreich, ein Däne und ein Belgier. In England wird Saatgut traditionell von mobilen Aufbereitern professionell für die Aussaat vorbereitet. Das sind Unternehmen, die bis zu 27 LKWs mit eigens zusammengestellten Reinigungs- und Beizsystemen bestückt haben und von Hof zu Hof fahren. Eine Anlage kostet ca. 300.000 Euro und mehr. Die Bauern bereiten Saatgut auch noch aus der vierten und fünften Nachbaugeneration auf. Viele Farmer haben festgestellt, dass ihr eigenes Getreide eine bessere Qualität hat als das, was sie kaufen können. Dies gründet darin, dass sie ihr eigenes Getreide auf ihren besten Feldern anbauen und sie es besser nach ihren Wünschen bis zur Ernte führen können. Zudem wird dadurch die Saat besser an die örtlichen Bedingungen angepasst. Dies sind Erfahrungen, welche sie über Generationen gemacht haben. Ein weiterer Vorteil durch die mobile Aufbereitung ist die frühe Verfügbarkeit des Nachbaus für die Bauern, denn das Getreide wird sofort nach der Ernte aufbereitet. So steht es dem Bauern für eine rechtzeitige Bestellung zum optimalen Saatzeitpunkt zur Verfügung. Konventionell und ökologisch arbeitende Bauern haben die Möglichkeit, das Nachbausaatgut optimal nach ihren Ansprüchen zu behandeln. Die Bauern haben festgestellt, dass die Zusammenarbeit mit den Aufbereitern ein Geben und Nehmen ist. In diesem Frühjahr ist in England ca. 70 % des Wintergetreides durch schlechte Saatbedingungen kaputt gegangen. Deshalb musste viel neues Sommergetreidesaatgut gekauft und aus ganz Europa angekarrt werden. Ein Bauer, den wir besuchten, bewirtschaftet 1.200 acres (1 acre = 4.000 m²), Pachtpreis 300 Euro pro acre, 400 acre hat er schon neu eingesät. 400 lässt er liegen, weil es für die Aussaat zu spät ist und das Saatgut zu teuer. Er beklagte sich, weil er schon einmal Nachbaugebühren bezahlt hat und jetzt für das neue Saatgut noch einmal bezahlen muss. Landwirtschaftliche Berater würden nur noch Hybridsaat empfehlen.

Angst vor Abhängigkeit

Allgemein wurde beklagt, dass sich der Sortenreichtum der einzelnen Länder immer mehr in eine europäische Sortenvielfalt durch Rechte der Großkonzerne verändert. Diese Sorten sind nicht an die regionalen Bedingungen angepasst. Des Weiteren wurden der Verlust der kleinen örtlichen Züchter und die Entwicklung zur Hybridsaat mit dem Nachbauverbot problematisiert. Hier sind alle ängstlich, dass die Marktbeherrschenden sich den Markt aufteilen wollen und sie alle Abhängige werden. Beklagt wurde auch, dass man nicht weiß, wofür die Nachbaugebühr verwendet wird. Anstatt nachbaufähiges Getreide zu züchten, geht das Geld in die Hybridzucht und Biotechnologie. In keinem Land, außer in Deutschland, wurden seitens der Züchter Gerichtsverfahren gegen Bauern ausgetragen. Die britischen Vertreter sagten: „Deutschland ist das Versuchsterrain der Züchter. Hier wolle man die Rechtsprechung für die Zukunft herausfinden, um sich die Eigentumsrechte zu sichern.“ Sie haben allen Respekt vor der IG Nachbau, denn sie hat es gewagt, Saatgutrecht vor den Europäischen Gerichtshof zu bringen. Die besten Anwälte Englands hätten ihnen davon abgeraten, mit der Begründung „Keine Chance“, stattdessen sollte man versuchen, mit den Züchtern zu kooperieren. Dies zeigt deutlich, dass kleine Leute auch für Rechte eintreten können, sogar müssen, um diese nicht zu verlieren. Es geht um unsere Naturgüter, die Gemeingut sind und über Jahrtausende von unseren Vorfahren gezüchtet wurden und deshalb auch unseren Kindern frei zugänglich sein sollten. Gerhard Portz, IG Nachbau