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24.03.2021
Unabhängige Bauernstimme 2/21

Pflanzenzüchtung als Gemeinschaftsaufgabe

Öko-Züchtungsunternehmen Cultivari geht neue Wege der Finanzierung

Auch in der Pflanzenzüchtung hat über die Jahre eine beispiellose Entwicklung zu immer größeren Strukturen stattgefunden. Verbliebenen kleineren Züchterhäusern und Initiativen fällt es schwer ökonomisch mit den Großen mitzuhalten. Besonders im Hinblick auf den Ökolandbau hat es allerdings schon immer Akteure gegeben, die sich einerseits mit unterschiedlichen Züchtungszielen und der Frage der Züchtungsmethoden wie auch in ihrem Blick auf die Landwirtschaft von den konventionellen Unternehmen abgehoben haben. Eine wichtige Rolle kam und kommt dabei dem Nachbau und der Nachbaufähigkeit von Sorten zu. In der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, aber auch bei den Bioland-Gründern, wurde eine hofindividuelle Entwicklung von Sorten betont, die auch den Gedanken der Vielfalt unterstreicht. Ökologische Pflanzenzüchter thematisieren schon lange, dass Nachbau zwar im Grundsatz eine wünschenswerte Sache und Nachbaufähigkeit ein wichtiges Zuchtziel ist, genau das aber gleichzeitig ökonomisch für die Züchter selbst kontraproduktiv ist. Nicht umsonst wurde in der konventionellen Pflanzenzüchtung die meiste Energie im Hinblick auf den Züchtungsfortschritt in Arten gelegt, die als Hybriden funktionieren, also nicht nachgebaut werden können. Schon früh, noch bevor die EU und dann auch die Bundesregierung eine Gesetzgebung zur Einführung von Nachbaugebühren auf den Weg brachten, machten sich auch die Akteure der ökologischen Pflanzenzüchtung Gedanken darüber, wie im Falle der Nutzung des Nachbaus ein finanzieller Rückfluss für die Züchtungsarbeit möglich sein könnte. „Das ist ein Prozess, der sich schon über viele Jahre hinzieht“, sagt Karl-Josef Müller, mit seiner Cultivari Getreidezüchtungsforschung Darzau gGmbH einer der Pioniere unter den ökologischen Pflanzenzüchtern. Wenn er das Thema auf Versammlungen mit Bauern und Bäuerinnen angesprochen habe, sei die Resonanz immer geprägt gewesen von Verständnis für das Anliegen, aber ohne konkrete Ideen, wie es denn gehen könne. Auch deshalb habe man bislang auf eine zusätzliche Finanzierung über freiwillige Zuwendungen gesetzt. Die Hoffnung sei immer gewesen, dass Nutzer auch zu Föderern würden, erfüllt habe sie sich bis auf wenige Beispiele nicht, so Müller. Auch im Austausch gerade mit jüngeren Züchterkollegen aus der Ökoszene nehme er „geradezu eine Angst vor der ablehnenden Haltung der Landwirte hinsichtlich einer Mitverantwortung für die Züchtung wahr“, wenn es um das Infragestellen der Freiwilligkeit im Zusammenhang mit einer über den Züchterlizenzanteil im Saatgutpreis hinausgehenden Finanzierung gehe. „Aber wir sind, was die Freiwilligkeit im Falle von Nachbau betrifft, in 30 Jahren nicht sehr weit gekommen.“

Andere Wege

Dabei sei die Frage: „Welche Art von Züchtung wollen wir gerade auch für den Ökolandbau?“ wichtiger denn je. Inzwischen haben mehr oder weniger alle großen konventionellen Züchterhäuser Aktivitäten in Richtung eines wachsenden und damit ökonomisch attraktiveren Ökomarktes unternommen. Sie lassen Nachbaugebühren über die Saatgut-Treuhandverwaltungs GmbH (STV) einziehen. Die Züchtungsmethoden sind nach wie vor konventionelle, mit chemischem Pflanzenschutz, hoher Nährstoffversorgung und biotechnologischen Methoden. Lediglich die letzte Stufe der Saatgutvermehrung findet auf einem ökologisch wirtschaftenden Betrieb statt. In den Öko-Landessortenversuchen treten diese Sorten auch gegen die aus ökologischen Züchterhäusern an, wobei in der Regel konventionell erzeugtes Saatgut verwendet wird, was Ökobetrieben für den Konsumanbau gar nicht mehr zur Verfügung steht. Eigenschaften wie eine bessere Beikrautregulierung durch üppigere Blattentwicklung werden unter Umständen „weggestriegelt“, weil das Striegeln an die konventionellen Sortentypen angepasst wird. „Mehr Vielfalt entwickelt sich so kaum“, sagt Züchter Karl-Josef Müller. Spreche er mit Vermehrerorganisationen, die seine Sorten vertreiben über die Finanzierungsfrage, habe er schon oft zu hören gekriegt, er solle doch zur Vereinfachungdie STV einschalten. Das will er aber nicht, weil ihm immer auch an einem partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Züchter und Bauer gelegen war, um eigene Sorten und Saatgut für den Ökolandbau mit seinen zum Teil ganz anderen Ansprüchen zu entwickeln. Müller kommt aus einer Zeit, in welcher der Ökolandbau auch als ein Weg gesehen wurde, aus zunehmend anonymisierten und immer weniger partnerschaftlichen Strukturen in der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette auszusteigen.

Kommunikation wichtig

Aus dieser Zeit stammt auch die Erzeugergemeinschaft Öko-Korn-Nord w.V., die Ökobauern und Bäuerinnen in Norddeutschland bündelt und sich mittlerweile zu einem bedeutenden Anbieter von Bio-Getreide und Öko-Saatgut entwickelt hat. Sie lässt Öko-Saatgut vermehren, bereitet es auf und vermarktet es. Seit Jahren auch die Sorten der Cultivari gGmbH. Gemeinsam mit Karl Josef Müller hat Öko-Korn-Nord nun einen Schritt gewagt, der in der Finanzierungsfrage einen neuen Weg aufzeigen soll. Wer seit letzten Herbst Cultivari-Sorten kaufen will, muss einen Vertrag unterschreiben, in dem er sich verpflichtet daraus vorgenommenen Nachbau anzuzeigen und 18 Euro pro nachgebauten Hektar zu zahlen. Nun aber nicht zwangsläufig an Cultivari, denn auch der Nachweis einer Zahlung an eine andere gemeinnützige Züchtungsinitiative ist möglich. „Es handelt sich um eine Verpflichtung zur Schenkung mit der Freiheit den Beschenkten selbst zu bestimmen“, sagt Müller. „Wir wollen weiterhin eine Partnerschaft auf Augenhöhe“, sagt Folkert Höfer, bei Öko-Korn-Nord derjenige, der an dem Vertrag mitgearbeitet hat. Deshalb habe man gewollt, dass jeder, der zahlt darauf Einfluss nehmen könne, was mit dem Geld passiert. Natürlich habe man Sorge gehabt, wie die Bauern und Bäuerinnen reagieren, zumal es durch Corona kaum möglich gewesen sei, beispielsweise in Veranstaltungen zu informieren und um Verständnis zu werben. Zudem steht im Vertrag auch, dass dessen Einhaltung – auf Kosten von Cultivari - kontrolliert werde, ein heißes Eisen in Zeiten von immer mehr Bürokratie und Kontrolle auf den Höfen. „Aber wir brauchen es nicht zu machen, wenn wir es nicht auch ernst meinen“, sagt Höfer. Am Ende hätten sich nur einzelne Bauern und Bäuerinnen bei ihm mit Diskussionsbedarf und Fragen gemeldet, die meisten direkt den Verpflichtungsvertrag unterschrieben. Schwieriger sei es da schon gewesen, wenn nicht an Landwirte direkt, sondern über Zwischenhändler vermarktet werde. Kommunikation ist ein entscheidender Faktor in Zeiten, in denen die Wahrnehmung vieler Bauern und Bäuerinnen ist, die Dinge würden immer nur über ihre Köpfe hinweg entschieden. Deshalb ist es Karl-Josef Müller wichtig, das Gemeinschaftliche im Prozess, wie auch das Individuelle in den Entscheidungen für die Gestaltung der Zukunft der Züchtung, zu betonen. Und die nicht zuletzt eben auch zu finanzieren.