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09.04.2011
Unabhängige Bauernstimme 3/11

Ausgezeichneter Sinn für Vielfalt und Wertschöpfung

Biobauer Carsten Ellenberg erhält Förderpreis

Zur Abwechslung spielte Linda diesmal keine so große Rolle. Dabei hat die große alte Dame des Ackers mit ihm alles erreicht, was man so erreichen kann als Kartoffel: Ruhm – fast ist man versucht zu sagen Weltruhm – wiederhergestellte Ehre nachdem ein Verschwinden in Bedeutungslosigkeit und Anbauverbot drohte. Beide haben damals eine Medienschlacht gewonnen, Linda und der blonde, rotwangige David gegen die blassen Goliaths von Europlant. Nun darf sie wieder angebaut werden, hat ihren festen Platz in der Kartoffelgesellschaft erhalten, sogar auf Europlants Äckern. Deshalb geht es diesmal um den Blonden: Carsten Ellenberg, Biobauer aus dem niedersächsischen Dörfchen Barum zwischen Uelzen und Lüneburg ist nämlich einer, der nicht nur eine Kartoffel rettet und dafür nun den Förderpreis des ökologischen Landbaus bekommen hat. Ihm geht es um die Vielfalt auf dem Kartoffelacker, die er schon Mitte der 90er Jahre für sich und seinen Betrieb entdeckte. „Mit damals 50 Hektar waren wir auf dem Weg in den Nebenerwerb“, beschreibt Ellenberg, was die Beratung so riet. Stattdessen begann er Kontakte zu knüpfen zur Genbank in Groß Lüsewitz, zu Forschungseinrichtungen in Quedlinburg, nach Schottland, Peru, Tschechien, China… sammelte alte Kartoffelsorten, vermehrte sie, prüfte ihre Eignung für den Ökoanbau, begann zunächst einfache Züchtungsschritte, verfeinerte die Methoden und – nicht zu vergessen – baute gleichzeitig eine exklusive Vermarktung auf. Vielleicht kam der Zeitgeist ihm zur Hilfe, Lebensmittelskandale, die Lust am besonderen, guten Lebensmittel, was auch immer, seine blauen, roten, gelben, krummen, geraden, knubeligen und glatten Kartoffeln -rund 100 Sorten - verkaufen sich glänzend. Und zwar nicht als Massenware zum Ramschpreis sondern als handverlesenes Edelangebot. „Gärtner sind ganz wichtig, die bewundern die Pflanzen noch und sind auch besondere Verbraucher“ sagt Ellenberg.  

Nur Speise

Natürlich vertreibt er seine Kartoffeln immer mit dem Hinweis, dass es sich um Speiseware handele, die man „allerdings auch rein zufällig in ein gut vorbereitetes Saatbett fallen lassen könne“, wie es ein  Versandhauskatalog einmal formulierte. „Wir waren sehr überrascht aber es war natürlich auch sehr schön das es da einen Markt gibt“, sagt der Bauer und der längst auch Medienprofi gewordene fügt hinzu: „wir mussten die Vielfalt erst neu entdecken und kennenlernen und andere Menschen wollten das offensichtlich auch.“ Aber der gewiefte Niedersachse ruht sich nicht darauf aus, die Farben- und Formenvielfalt der im Mainstreamhaushalt zur Sättigungsbeilage verkommenen Knollen an den bewussten Konsumenten zu vermarkten, er will eigene Sorten züchten. Ein Gewächshaus, ein kleines Labor, ein Forschungsprojekt mit dem Julius-Kühn-Institut für Züchtungsforschung, viel Arbeit, auch mal Rückschläge: „im Gewächshaus kommt die Krautfäule viel früher und macht einem schon mal alles kaputt“ und schließlich erste Erfolge: fünf eigene Sorten hat Carsten Ellenberg bislang beim Bundessortenamt angemeldet und vermarktet sie auch. Zunehmend kommen nun auch Landwirte auf ihn zu, die die Sorten anbauen wollen. Längst kooperiert er mit landwirtschaftlichen Betrieben in der Region, um die vielen Kartoffeln, die er verkauft auch angebaut zu bekommen. Dadurch hat nicht nur sein Betrieb mit inzwischen acht festen Mitarbeitern eine Zukunftsperspektive. „Wir sind ja jetzt nicht fertig, werden immer professioneller auch immer akzeptierter“, sagt Ellenberg und meint besonders die Züchtung. Zur Professionalität gehört auch, den gesellschaftlichen Schulterschluss zum Erhalt der Kartoffelvielfalt zu suchen. Seit Linda gibt es eine Verbändeplattform, die jedes Jahr die Kartoffel des Jahres wählt. Die diesjährige Siegerin wurde von Ellenberg auf der großen Demo für eine andere Landwirtschaft in Berlin verkündet.  

Vielfalt und Wertschöpfung

Es ist Ora, eine besonders im Osten einst beliebte mehlige Sorte. „Bisher haben die Sorten langfristig ein bisschen davon profitiert einmal Kartoffel des Jahres gewesen zu sein, die Nachfrage steigt“, freut sich Ellenberg. Wieder ein Baustein für Vielfalt und Wertschöpfung. Für all diese vielen Baustellen seines Engagements aber sicher auch für seinen Blick dafür, was wirtschaftlich interessant ist, hat Carsten Ellenberg nun dies Jahr den Förderpreis des ökologischen Landbaus von Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) bekommen. Die Preisvergabe auf der Grünen Woche war der erste Auftritt des Bundesprograms ökologischer Landbau in dessen Rahmen der Preis vergeben wird, nachdem die schwarz-gelbe Bundesregierung im vergangenen Herbst beschlossen hatte, das Programm auch für nicht ökologisch wirtschaftende Betriebe zu öffnen. So war denn Aigner auch bemüht, Kritik daran im vor hinein abzufangen: „Eigentlich werde man doch das Bundesprogramm nicht massiv ändern“, erinnert sich Ellenberg an ihre Worte.  Gleichzeitig fragt er sich, warum ein von ihm gestellter Antrag auf Unterstützung seiner Züchtungsforschung durch das Bundesprogramm abgelehnt wurde, wenn doch angeblich die Öffnung des Programms auch deshalb beschlossen wurde, weil es nicht genug Ökoprojekte gibt, die die 16 Mio. Euro im Topf ausschöpfen.  

Mit Zukunft

So bleibt es an Ellenberg zumindest die 7.500 Euro aus dem Förderpreis entsprechend anzulegen, an Ideen mangelt es ihm nicht. Und es bleibt ihm auch die klammheimliche Freude, durch eine Bundesinstitution für sein ausdrücklich erwähntes politisches Linda-Engagement ausgezeichnet worden zu sein, welches auch eine Auseinandersetzung mit der Bundesinstitution des Bundessortenamtes beinhaltete. Das sind sicher die Anekdoten, die er auch noch erzählen wird, wenn vielleicht irgendwann seine beiden Söhne auf dem Hof in seine Fußstapfen treten, beide wollen oder machen bereits eine landwirtschaftliche Ausbildung. Im Nebenerwerb müssten sie den Betrieb jedenfalls nicht führen. „Vielfalt gibt Genuss, gibt hohe Wertschöpfung, das ist eigentlich das Gegenteil von dem, was die Wirtschaft so propagiert“, auch darüber freut sich der bauernschlaue Vater.