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25.10.2016
Unabhängige Bauernstimme 9/16

Hybridweizen: Kommt der grosse Durchbruch?

Unternehmen scheuen weder Kosten noch Mühen auch um Nachbau unmöglich zu machen

Das Thema Nachbaugebühren bei Getreide werde über kurz oder lang Geschichte sein, so konnte man bei Top Agrar Anfang Mai diesen Jahres lesen. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass die Nachbaugebühren für diese Arten abgeschafft werden sollen. Im Gegenteil. Wenn sich der „illegale“ bäuerliche Nachbau nicht auf rechtlichem Weg verhindern lässt, dann wird es eben auf biologische Weise versucht. Hybridgetreide lässt sich schließlich nicht sortenecht vermehren. Was bei Fremdbefruchtern wie Roggen gut funktioniert – hier beträgt der Hybridanteil bereits über 75% – soll nun endlich auch beim Selbstbefruchter Weizen klappen. Europaweit sei Hybridweizen mit ca. 500.000 ha Anbaufläche bereits eine „Erfolgsgeschichte“ und in Deutschland ein „Zukunftsmarkt“ (derzeit ca. 20.000 ha), so der Spartenleiter Hybridgetreide bei der Saaten-Union. An dieser „Erfolgsgeschichte“ wollen offensichtlich viele Unternehmen teilhaben. Seit 2009 arbeiten einige der ganz Grossen – darunter Monsanto, Syngenta, BASF, KWS, Vilmorin und DuPont Pioneer – (teilweise wieder) an der Entwicklung von Hybridweizen. An vollmundigen Versprechen mangelt es nicht. So will Syngenta die ersten Sorten bereits um 2020 auf den Markt bringen, wobei das Spitzenumsatzpotenzial auf über 3 Milliarden US-Dollar geschätzt wird (Medienmitteilung, September 2015). Doch sind die Erfolgsaussichten für die Unternehmen tatsächlich so rosig? Zweifel sind angebracht. Zum einen ist der Heterosiseffekt bei Selbstbefruchtern kleiner als bei Fremdbefruchtern. Der Ertragszuwachs bei Hybridweizen soll z. B. nur bei rund 10% liegen, bei Hybridroggen sind dagegen Steigerungen bis zu 280% möglich. Die Saaten-Union selbst bemerkt, dass, angesichts der um 60% höheren Aussaatkosten von Hybridgetreide, der Landwirt unter Umständen mit leistungsfähigen Liniensorten die bessere Wahl treffe. Zum zweiten besteht das Problem, dass die Erzeugung von Hybridsaatgut im großen Maßstab einen Hybridmechanismus erfordert, durch den Selbstung ausgeschlossen und eine Kreuzbefruchtung gesichert wird. Die Möglichkeiten der Hybridzüchtung bei Wintergetreide sind: Manuelle Kastration. Diese ist bei Getreide zu aufwendig und kommt deshalb nicht in Frage. Chemische Kastration der Mutterlinien über das Versprühen chemischer Stoffe (Gametozide). Auch dieses Verfahren ist aufwendig, zudem im Ergebnis unsicher und kritisch, weil man die Übertragung des toxischen Stoffes auf die Hybriden vermeiden muss. Bisher ist nur ein Wirkstoff in der EU zugelassen. Dieser darf nur in Frankreich angewendet werden. Genetisch, vor allem über die Cytoplasmatische Männliche Sterilität/CMS. Hier besteht das Problem, dass die Ausschaltung der Selbstbefruchtung nicht immer vollständig gelingt und eine aufwendige Selektion der sterilen Pflanzen notwendig ist. Zudem muss anschließend die Fertilität (das natürliche Reproduktionssystem) wiederhergestellt werden. Hoffnungsträger sind aktuell verschiedene gentechnische Ansätze, welche die Sterilität durch die Veränderung des Genoms erzeugen sollen. Ein Problem ist jedoch bislang, dass in den fertigen Hybriden das transgene Event noch enthalten ist. Das Ergebnis wäre ein gv-Hybridweizen. All diese Methoden haben nicht nur verschiedene technischen Tücken – das soll nach Expertenmeinung auch für die neuen gentechnischen Ansätze gelten – sondern sie sind auch (noch) zu teuer für eine Saatgutproduktion im großen Maßtab. Ob es den angekündigten Durchbruch in den nächsten Jahren also tatsächlich geben wird, ist zumindest fraglich. Die aktuellen Entwicklungen sollten dennoch aufmerksam und kritisch verfolgt werden. Denn die Politik fördert die Hybridweizenzüchtung massiv und die großen Saatgutkonzerne haben die (Hybrid-)Weizenzüchtung (wieder-)entdeckt und viel Geld investiert. So gibt es allein in Deutschland seit 2007 mindestens ein Dutzend öffentlich (mit)finanzierte Forschungsprojekte. Zur Entschlüsselung des Weizengenoms, zu neuen CMS-Verfahren (z.B. „Gene-Splitting“), zu Vorhersagen der Hybridleistung usw. Auch auf der internationalen Ebene ist die Politik aktiv geworden und unterstützt Forschungs-Grossprojekte zur Weizen- und vor allem Hybridweizenzüchtung, darunter die 2014 gegründete International Wheat Yield Partnership (IWYP). Ziel ist eine Steigerung der Weizenerträge um 50% bis 2034. In den ersten 5 Jahren sollen 100 Mio. US$ bereitgestellt werden. Das Projekt arbeitet in enger Kooperation mit privaten Unternehmen wie Bayer, DuPont Pioneer, Dow Agroscience, Syngenta, KWS. Die Saatgutkonzerne versuchen, sich den exklusiven Zugang zu weizengenetischen Ressourcen zu sichern. Einerseits durch Kooperationsverträge mit Universitäten und Forschungsinstituten, andererseits durch den Aufkauf von Unternehmen. Zu den Sorten und Linien, die sich in der Hand der grossen Konzerne befinden, erhalten kleinere Unternehmen kaum oder gar keinen Zugriff mehr. Aufgrund ihrer Kapitalausstattung können die Grossen mehr Geld in die Forschung und Entwicklung investieren als kleinere Firmen und haben bessere Möglichkeiten, um intellektuelle Eigentumsrechte (v. a. Patente) durchzusetzen. Je mehr Patente angemeldet werden, desto unübersichtlicher und riskanter wird es für kleinere Unternehmen, die selbst in diesem Bereich der Züchtung aktiv sind. Fazit: Auch ohne den grossen Durchbruch könnten die aktuellen Entwicklungen im Bereich (Hybrid-)Weizenzüchtung gravierende Folgen haben: 1. Die Verfügbarkeit und Vielfalt bei Weizensaatgut dürfte deutlich eingeschränkt werden, da es kleinere Unternehmen in Zukunft (noch) schwerer haben werden, sich auf dem von den ganz Grossen dominierten Markt zu behaupten. 2. Der letzte Bereich, in dem noch nennenswert Nachbau möglich ist, verschwindet. Die Abhängigkeit der Bauern von den Saatgutkonzernen wächst weiter.