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08.03.2011
Unabhängige Bauernstimme 2/11

Eine uralte Kulturpflanze brandneu patentiert

Teff ist trockentolerant, glutenfrei und nicht mehr frei zu haben

Von den ägyptischen Pyramiden in die Lüneburger Heide, der Weg der äthiopischen Pflanze Eragrostis tef - kurz Teff genannt - war weit und gewunden. Aber sie ist angekommen und entfaltet auch gesellschaftspolitisch Wirkung. Das grasartige Gewächs  ist eines der ertragsschwächsten Kulturgetreide, die es gibt und es ist alt – man fand Teffsamen bereits als Grabbeigaben bei den Pharaonen in den Pyramiden. Warum also, mag man sich fragen, interessierte sich vor drei Jahren die niedersächsische Landwirtschaftskammer, die weder in dem Ruf steht, sich besonders auf exotischem pflanzenbaulichen  noch diplomatisch-politischem Parkett hervorzutun, für dieses Gewächs? Teff ist in Äthiopien die Hauptkulturart weil es extrem Trockentolerant ist. Diese Eigenschaft könnte im Zuge des Klimawandels auch für bestimmte Regionen der nördlichen Hemisphäre von größerer Bedeutung werden. „Schon heute ist Wasser der limitierende Faktor in Nordostniedersachen“, sagt Monika von Haaren von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in der Bezirksstelle Uelzen, „die Landwirte sind auf Beregnung angewiesen schon seit 30, 40 Jahren.“ Die Tendenz sei steigend, dabei werde vorwiegend Grundwasser genutzt, so von Haaren. Hinzu kommt, dass Teffmehl glutenfrei ist und somit für eine nicht kleine Gruppe von Menschen, die an Glutenunverträglichkeit leiden, der Krankheit Zölliakie, interessant. So kam man in Hannover auf die Idee doch einmal Anbauversuche mit dem genügsamen Gras aus Afrika in der Region Uelzen zu unternehmen.

Neokolonialismus

Aber noch bevor es auf dem Acker handfest wurde stieß man bei der Kammer auf eine unerwartete Hürde: ein Patent, was die niederländische Firma Health & Performance Food auf die Verarbeitung von Teffmehl ab einer bestimmten Fallzahl beim Europäischen Patentamt angemeldet hatte. Offensichtlich will die sich Firma damit die Exklusivnutzung der besonders interessanten Sorten vorbehalten. Zwar gibt es auch einen Nutzungsvertrag im Rahmen der Biodiversitätskonvention (CBD) mit Äthiopien, „aber eigentlich ist das was hier stattfindet Neokolonialismus“, sagt Regina Asendorf, die sich für die Landwirtschaftskammer in Hannover mit der patentrechtlichen Dimension der Angelegenheit auseinandersetzt. Da damals noch eine Beschwerdefrist vor der kleinen Beschwerdekammer in Den Haag gegen das Patent lief, entschloss sich die Landwirtschaftskammer zu einer Beschwerde. Diese wurde nun im vergangenen Dezember abgelehnt. Trotzdem gibt man in Hannover nicht auf, obwohl politisches Engagement eigentlich nicht ganz oben auf der Agenda der Kammer steht. „Aber wir vertreten ja doch auch die Interessen der Landwirte und wenn die etwas anbauen, was sie dann aber nicht vermarkten können bringt das nichts“, so Monika von Haaren. Ungewohnt scharf kommentiert auch Kammerpräsident Arendt Meyer zu Wehdel in einer Pressemitteilung: „Wenn dieses Beispiel Schule macht, sehe ich die Entwicklungsmöglichkeiten der Landwirtschaft massiv eingeschränkt.“ Die enormen Leistungen der Landwirtschaft für die Lebensmittelerzeugung und den Wohlstand seien zu einem großen Teil auf die Fortschritte in der Tier- und Pflanzenzüchtung zurückzuführen. Motor dafür sei der freie Wettbewerb um die besten Sorten, Rassen und Züchtungsverfahren. „Das derzeitige Patentrecht begünstigt dagegen Monopole.“

Patente und Politik

Erstmals ist es nun eine landwirtschaftliche Kultur deren Nutzung patentrechtlich beschränkt werden soll obwohl sie nicht gentechnisch verändert ist. Im Gegenteil, an dieser uralten Kultur haben viele Menschen über Jahrtausende gezüchtet und nun soll sie einer niederländischen Firma gehören. Vielleicht weil die Geschichte so  einfach ist, beginnt Öffentlichkeit und Politik sich dafür zu interessieren. Die Sensibilisierung der Politik mündet gerade im Bundestag in fraktionsübergreifenden Bestrebungen, sich für ein Verbot von Biopatenten stark zu machen. Einer der Motoren ist der SPD-Abgeordnete und Anwalt der IG Nachbau Matthias Miersch. Gemeinsam mit den entsprechenden Kollegen aus den anderen Parteien formulierte er erneut in einer Erklärung zur Grünen Woche die Forderungen eines Verbots im nationalen Patenterecht und Aktivität der Bundesregierung in Europa.

Äthiopien in Uelzen

Ist die patentrechtliche Auseinandersetzung das eine, so bleibt aber auch die pflanzenbauliche Seite von Teff in der Lüneburger Heide eine Herausforderung. Ein erstes Versuchsjahr liegt hinter dem afrikanischen Gras und es war gar nicht mal das schlechteste. „Aber wir brauchen noch mehr Jahre um fundierte Aussagen zu treffen“, gibt sich Monika von Haaren verhalten. Überwunden werden mussten technische Schwierigkeiten bei Aussaat und Ernte der winzigen Samenkörner, die Sommertrockenheit und der viele Regen zur Ernte. Teff zeigte sich als gut geeignet für den ökologischen Landbau, da mit chemischem Pflanzenschutz sowieso nicht viel auszurichten ist. Die Tatsache, dass Teff glutenfrei ist, macht es für den Gesundheitsmarkt Europa noch mal interessanter und auch hier sind es besonders ökolosgische Verarbeiter die Teff nachfragen. „Wir könnten hier ein besonderes regionales Produkt anbieten“, blickt von Haaren in die Zukunft. Ihre Kollegin Regina Asendorf bleibt kämpferisch: „Wenn wir es nicht probieren wissen wir nicht, welche Potentiale da sind.“ Sie bereitet derzeit mit Juristen die Beschwerde vor der großen Beschwerdekammer des Patentamtes vor. Gleichzeitig hofft sie darauf, dass das politische Interesse im Bundeslandwirtschaftsministerium wie auch in den Bundestagsfraktionen weiter wächst und schließlich Früchte trägt.