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Unabhängige Bauernstimme 9/19

Patentrezept gegen Profitinteresse

Nach Jahren ist nun das Patent auf Teff gescheitert

Zum ersten Mal Indschera gegessen - jenen traddionellen Brotfladen der ostafrikanischen Küche - hat Regina Asendorf, als sie nun doch das gute Ende einer Geschichte über Neokolonialismus, Patentrechte und Widerstand in einem äthiopischen Restaurant feiern konnte. „Das Wichtigste daran ist eigentlich“, sagt die Mitarbeiterin der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, „die Erfahrung, dass es sich lohnt Unrecht öffentlich zu machen und dagegen Widerstand zu leisten.“ Als sie vor zehn Jahren begonnen hatte sich mit dem hirseartigem Gras Teff (Eragrostis teff) auseinanderzusetzen, war ihr diese Dimension noch nicht bewußt. In Äthiopien wird die Pflanze schon seit tausenden Jahren kultiviert und die Körner zu Mehl vermahlen. Meist wird das zu jenen crepeartigen Indschera-Fladen verbacken, die zu fast jeder Mahlzeit gereicht werden. Im Rahmen eines Projektes der Landwirtscahftskammer Niedersachsen zu möglichen landwirtschaftlichen Anpassungen an den Klimawandel und vor allem auch vor dem Hintergrund, dass Teffmehl glutenfrei ist, stieß Asendorf auf die Pflanze. Sie gedeiht in ähnlichen Vegetationsbedinungen wie sie in Norddeutschland vorherrschen vor allem im äthiopischen Hochland und muss dort unter Umständen auch längere Trockenperioden tolerieren. Die Bezirksstelle der Landwirtschaftkammer in Uelzen organisierte den Anbau im Jahr 2010 mit ganz beachtlichen Ergebnissen. Dann kam die Ernüchterung: Nachdem aus Äthiopien Teff-Saatgut zu Forschungszwecken in die Niederlande geliefert worden waren, hatte sich das niederländische Unternehmen Health and Performance Food International B.V. (HPFI) beim europäischen Patentamt die Verarbeitung von Teff zu Mehl patentieren lassen. Das Patent war offenbar auch deshalb erteilt worden, weil es eben nicht um die ganze Pflanze ging (das ist im Biopatentrecht nicht erlaubt) und als vermeintliche Neuerung eine bestimmte Fallzahl eingefügt war. Dass Teff-Körner meist eine Fallzahl von 250 aufweisen war allerdings nirgendwo umfangreich dokumentiert. Auch in Äthiopien hätte niemand etwas von dem Patent gehabt. Über all das wurde auch in überregionalen Medien berichtet.

Ungerechtigkeit

Die Landwirtschaftkammer Niedersachsen legte Einspruch gegen das Patent ein, dieser wurde aber abgewiesen. Vor rund zwei Jahren wurde dann der deutsche Patentanwalt Anton Horn durch eine äthiopischen Freund auf die Sache aufmerksam und entschloss sich gegen die aus seiner Sicht „Riesenungerechtigkeit“, so zitiert ihn ein Fachmagazin, mit einer Klage vor dem Bundespatentgericht anzugehen. Daraufhin trat die niederländische Firma von ihrem Patentrecht zurück. Zuvor war sie bereits in den Niederlanden vor Gericht gescheitert, es erkannte die Nennung der Fallzahl nicht als Neuerung an. Auch weitere europäische Länder dürften nun nachziehen, in jedem Mitgliedsstaat muss einzeln verhandelt werden. Nun will sich Regina Asendorf direkt an äthiopische Einrichtungen wenden, um die Neuauflage des Teff-Anbaus in Norddeutschland wieder anzuschieben. Das gestaltet sich nicht ganz einfach, auch weil es natürlich Vorbehalte gibt. „Die Äthiopier sind verständlicherweise nach der Geschichte nicht begeistert“, so Asendorf. Es gelte nun verloren gegangenes Vertrauen und internationale Beziehungen wieder aufzubauen, nachdem die Profitinteressen eines Einzelnen die zarten Anfänge abgeschnitten haben. Aber schließlich geht es nicht nur um Teff sondern auch darum einen Präzedenzfall geschaffen zu haben, der Unternehmen vermittelt: Ihr könnt Euch nicht alles herausnehmen. Und vielleicht ist es ein Neuanfang und irgendwann empfängt Regina Asendorf eine Bauerndelegation aus Äthiopien um in der Lüneburger Heide Teff-Felder zu besichtigen und um sich mit ihr und Heidebauern gemeinsam über den Anbau auszutauschen – und natürlich auch um Indschera zu essen.