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Unabhängige Bauernstimme 7/18

Verbotene Weinstöcke

Wurzelechte Weinreben dürfen in Mitteleuropa nicht angebaut werden – ohne das es wirklich stichhaltige Argumente dafür gibt.

Die Geschichte der Direktträgerweine, also wurzelechte Weinreben, in Europa begann im 19. Jahrhundert mit der Invasion der Reblaus, die innerhalb kürzester Zeit den gesamten europäischen Weinbau zu vernichten drohte. Tausende Hektar Rebfläche mussten gerodet werden. Unzähligen Menschen war damit auf einen Schlag die Lebensgrundlage entzogen. Auf der Suche nach Auswegen aus der Katastrophe wurden Forscher auf nordamerikanische Keltertraubensorten aufmerksam: Sie waren resistent gegen die Reblaus. Züchter importierten sie und verwendeten sie sowohl als Rebunterlage, auf die europäische Weinsorten der Gattung Vitis vinifera gepfropft wurden, als auch in Zuchtprogrammen zur Steigerung der Widerstandskräfte europäischer Reben. Die Sorten aus Nordamerika wurden jedoch auch direkt in Weingärten angepflanzt, was ihnen den Namen „Direktträger“ oder „Direktträgerweine“ eintrug, da sie nicht gepfropft waren. Der Versuch war erfolgreich: Durch die Nutzung der Direktträger in der Pflanzenzucht konnte die Reblausplage eingedämmt werden. Der europäische Weinbau erholte sich. Längst nicht alle befürworteten jedoch die Einführung der Direktträger. Vielen erschienen sie vielmehr als Bedrohung: Die GegnerInnen sahen in den Sorten aus Amerika den Grund für die Einschleppung der Reblaus nach Europa – obwohl es dafür keine Beweise gab. Außerdem wurde die Qualität der Direktträger kritisiert – ein Vorwurf, der sich auf ihre spezielle Geschmacksnote, den „Foxton“, bezog. Wegen ihres hohen Methanolgehaltes wurde ihnen zudem unterstellt, negative gesundheitliche Auswirkungen zu haben. Kritisiert wurde auch, dass sie durch den weniger arbeitsintensiven und spritzmittelreduziert günstigeren Anbau den europäischen Weinmarkt ruinieren würden. In Europa haben sich schließlich, in einer Situation, die von Überproduktion, einem Konsumrückgang durch die Wirtschaftskrise sowie einem kulturellen Überlegenheitsdenken geprägt war, die negativen Stimmen durchgesetzt: Der Anbau von Direktträgern wurde ab den 1920er-Jahren in mehreren Ländern, u. a. Frankreich, Deutschland und Österreich, verboten. Dieses Verbot wurde später in EU-Recht übernommen.

Vorwürfe zweifelhaft

Waren viele dieser Vorwürfe schon aus damaliger Perspektive höchst zweifelhaft, sind sie heute vollkommen haltlos. Die Qualität betreffend kann man mit Sicherheit sagen, dass moderne Direktträgerweine, die wie im Fall des österreichischen Uhudlers von einem Winzerverband vermarktet werden, hohe und konstante Produktionsstandards aufweisen. Moderne Studien zeigen darüber hinaus, dass der Verzehr der Trauben keineswegs mit gesundheitlichen Risiken einhergeht. Frühere Forschungsergebnisse erwiesen sich als haltlos. Schließlich gibt es heute weder eine mit einem Konsumrückgang verbundene Überproduktion, noch würde das Potenzial für die Erzeugung von Direktträgern auch nur ansatzweise das in der Weinwirtschaft erreichte Gleichgewicht von Produktion und Absatz bedrohen. Direktträgerweine stehen wie andere Nischenprodukte der Branche nicht in direktem Wettbewerb zu den etablierten Weinen und sind damit nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung des Angebots zu sehen. Umgekehrt wird das große Potenzial von Direktträgern nach wie vor vollkommen unzureichend wahrgenommen: In den europäischen Regionen, in denen Direktträgerweine (illegal) produziert werden, haben sie eine wachsende Anhängerschaft. Damit haben sie großes Potenzial, zur ländlichen Entwicklung beizutragen. Im österreichischen Burgenland zum Beispiel verbinden zwei Drittel der Touristen ihren Besuch mit einer Verkostung des Uhudlers. Andernorts wurden die Direktträger zu einem essentiellen Bestandteil der lokalen Tradition, etwa in Venetien, wo regelmäßig spezielle Weinfestivals veranstaltet werden. Direktträger haben auch ein enormes Potenzial zur Lösung ökologischer Herausforderungen: Aufgrund ihrer Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Falschen und Echten Mehltau kann bei diesen Sorten auf chemische Pflanzenschutzmittel verzichtet werden. Es handelt sich damit um besonders nachhaltige Kulturen.

Vielfalt der Reben

Wie aus anderen Fällen bekannt ist, z. B. der EU-Saatgutpolitik, zeigt auch das Beispiel der Direktträgersorten, wie Landwirtschaftspolitik oftmals nicht an fundierten Argumenten, sondern den Interessen derjenigen ausgerichtet wird, die sich am besten durchsetzen können. Angesichts der Fülle aktueller ökologischer Herausforderungen in der Landwirtschaft und im Sinne der Vielfalt ist es höchste Zeit, dass unsere EntscheidungsträgerInnen einlenken – die Vielfalt der Weinstöcke ist nicht nur für die Widerstandsfähigkeit unseres Weinbaus von höchster Bedeutung, sie müssen auch für die Zukunft bewahrt werden. Und das nicht nur in Forschungseinrichtungen, sondern auch in der Weinbaupraxis.