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01.12.2017

„Glyphosat ist out“

01.12.2017

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Begründung des BGH wirkt nicht sehr zu Ende gedacht

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01.12.2017
Unabängige Bauernstimme 11/17

„Glyphosat ist out“

Neuorientierung in Sachen Ackerbau gefragt

War Monsanto bislang eine Nummer zu groß? Und Glyphosat, des Konzerns ureigenster Wirkstoff, als meisteingesetztes Pestzid der Welt zu wichtig, um ernsthaft in Gefahr zu geraten? Viel zu stark ist Glyphosat Teil eines globalen Ackerbausystems – und damit ist nicht nur der amerikanische Gentechnikanbau auf Glyphosatbasis gemeint – viel zu überzeugt sind Interessensvertreter, Politiker aber auch Bauern und Bäuerinnen davon, dass es ohne schlicht „einfach nicht mehr geht.“ Sonst hätten die gesellschaftliche Stimmung, die mindestens wissenschaftlichen Zweifel an den Gesundheitsbeeinträchtigungen sowie die negativen Auswirkungen auf die Biodiversität wahrscheinlich längst dafür gesorgt, dass Glyhosat als Fehlgriff der Geschichte in selbiger gelandet wäre. Aber Glyphosat ist eben nicht nur irgendein chemischer Baustein der konventionellen Landwirtschaft, als der ihn viele Bauern und Bäuerinnen verteidigen, sondern Schlüssel für ein fast naturunabhängiges durchrationalisiertes Ackerbausystem, als das ihn die weitaus mächtigere industrielle Landwirtschaft protegiert. Sollte allerdings nun tatsächlich doch der Einstieg in den Ausstieg durch das EU-Parlament eingeleitet werden, so zeugt das auch davon, dass in Europa noch mehr passiert ist. „Glyphosat ist out“, sagt Jan Wittenberg, Ackerbauer im AbL-Bundesvorstand, „Längst haben Ackerbauern herausgefunden, wie man Lebensmittel erzeugen kann, ohne den Ackerboden mit Glyphosat zu behandeln. Mehr Vielfalt in der Fruchtfolge und eine intelligentere Verteilung der Kulturen sollten dazu mit moderner Technik in der mechanischen Bodenbearbeitung verbunden werden. Auch die konservierende Bodenbearbeitung, die nachhaltig das Bodenleben fördert, ist ohne den Einsatz eines Totalherbizides möglich und sinnvoll. Die Verteidigung eines gesellschaftlich nicht gewollten, schädlichen Pflanzenschutzmittels aus reiner Gier nach Profit kann von den Bauern nicht mehr mitgetragen werden.“

Viele Quellen

Auf politischer Ebene habe sich inzwischen eine Dynamik entwickelt, sagt Astrid Österreicher, Mitarbeiterin der grünen EU-Abgeordneten Maria Heubuch, die weit über die Causa Glyphosat gehe, so werde die Praxis der Risikobewertungsverfahren kritisch angeguckt, die Verbindlichkeit des integrierten Pflanzenschutz gefordert. So hat das Zaudern ob der Größe der Entscheidung, die jahrelange Debatte die inzwischen zu einem Siechtum geworden ist, wohl auch etwas Gutes: Viel ist offenbar geworden über Entscheidungsprozesse in der EU, die Lobbyarbeit eines Konzerns, der schon lange um die tönerern Füsse weiß, auf denen seine Argumentation ruht und – nimmt man die veröffentlichten Interneras aus den Monsatnto-Papers ernst – Seriosität erkauft hat und Gesundheitsrisiken negiert. Aber auch an die Seite der Kritiker gibt es den Vorwurf in dem erbitterten jahrelngen Prozess einen Wissenschaftler der sich als unabhängig dargestellt hat, bezahlt zu haben. So viel zur Unabhängigkeit der Wissenschaft, was nur den Schluss zulässt, das Zulassungsprozesse immer aus ganz vielen Quellen ihre Informationen sammeln sollten, nicht mehr jedenfalls wie bisher nur aus der Hand des antragstellenden Konzerns. „Wenn politische Entscheidungen über die Zulassung von Wirkstoffen von wissenschaftlichen Studien der Produktproduzenten abhängen, wird deutlich, dass wir in Europa in diesen Bereichen keine unabhängige Forschung mehr betreiben“, so SPD-EU-Parlamentarierin Maria Noichl. Sie führt weiter aus: „Konzernstudien als alleinige Entscheidungsgrundlage sind untauglich!“

Keine Verantwortung

Die Debatte um das Ackerbausystem, in dem der Boden mehr oder weniger nur noch Substrat ist, bereinigt durch Chemie, nährstoffmäßig befüllt durch Mineraldünger und bestellt mit dem Saatgut der finanziell lukrativsten Marktfrucht, wäre durch den Prozess um Glyphosat vielleicht auch nie so geführt worden wie jetzt. „Kein Stoff steht so sehr für die Agrarindustrie wie das Pflanzengift Glyphosat. Doch Pflanzengifte und Monokulturen zerstören die Artenvielfalt. Das agrarindustrielle Modell ist nicht modern, es ist mörderisch“, schreibt Maria Heubuch in einer Presseerklärung. Das ist es vor dem Hintergrund der jüngst veröffentlichten Langzeitstudie zum Verlust von über 70% der Insekten in knapp 30 Jahren, die Bestäuber, Nahrungsgrundlage für Vögel und damit essentiell in unserem Ökosystem sind. Der Bauernverband verwahrt sich sofort vor Unterstellungen bezüglich der Verantwortung der Landwirtschaft, auch anstatt zu kennzeichnen, dass bestimmte Praktiken der Landwirtschaft gibt, die nachgewiesenermaßen negativ auf die Umwelt wirken.

Abgeschrieben

Mörderisch ist das agrarindustrieelle Modell aber auch vor dem Hintergrund, dass jahrzehntelang Agrarförderung jene belohnt hat, die agrarindustriellen Ackerbau perfektioniert haben und damit bäuerliche Betriebe zur Aufgabe zwingen. Wenn aber genau diese letzteren nun bedauern, dass mit Glyphosat auch ein Helfer in Sachen Ampfer- und Queckenproblemen im Ackerbau mit Fruchtfolge, Zwischenfüchten und oder bodenschonender Mulchsaat fehlt, machen sie sich zum Steigbügelhalter derer, die ihnen wirtschaftlich das Wasser abgraben und sie auch noch gesellschaftlich in Misskredit bringen. Und falls sich tatsächlich jemand um die fehlende Rendite Monsantos Sorgen machen sollte, der kann beruhigt werden: Wahrscheinlich hat man dort schon längst mit Glyphosat abgeschlossen und etwas Neues entwickelt, betriebswirtschaftlich abgeschrieben ist das gute alte Round up schon lange.